Am Ende gab’s noch ein Bonbon

Das Beste hatten sich die Ringer des SV Alemannia Nackenheim für den Schluss aufgehoben: Tamas Levai schulterte im abschließenden Kampf der Bundesligabegegnung gegen die Red Devils Heilbronn Fabian Fritz und entfesselte noch einmal einen Begeisterungssturm in der Ringerhalle.

Allzu oft hatten die Alemannen-Fans an diesem Nachmittag allerdings keinen Anlass für Jubel gehabt. Levais Sieg war erst der dritte der Gastgeber, schon vorher stand die Niederlage seiner Mannschaft gegen einen der Ligafavoriten fest. Der Ungar konnte nur noch auf 9:22 verkürzen.

Vermutlich wird das Endergebnis mit dem Nachholkampf im Freistil- Halbschwergewicht noch etwas freundlicher ausfallen. Da der Alemanne Ahmed Dudarov auf einem Nationalmannschaftslehrgang weilte, musste sein Duell gegen Stefan Kehrer verschoben werden. Angesichts des deutlichen Vorsprungs werden die Heilbronner vermutlich auf die Austragung verzichten, die Begegnung würde dann 13:22 gewertet.

Azizli fehlt wegen WM-Vorbereitung

Die Chancen der Nackenheimer standen von Beginn an schlecht. Sie mussten auf Eldaniz Azizli verzichten, der sich in seiner aserbeidschanischen Heimat auf die Weltmeisterschaft vorbereitet – für ausländische Athleten aber gilt die Nachholkampf-Regelung nicht. Azizli war nicht der Erste, der den Nackenheimern wegen der WM-Vorbereitung ausfiel; auch Levai musste deshalb am ersten Kampftag passen.

So spät fanden wir diesmal fand die WM in den zurückliegenden Jahren nie statt. Meist war sie schon vor Beginn der Bundesligasaison beendet. Die Terminüberschneidung trifft die Nackenheimer besonders hart, weil ihr Kader nicht so breit aufgestellt ist, dass sie solche Ausfälle wegstecken könnten. „Seit ein paar Wochen ist es immer das gleiche Spiel“, ärgerte sich Trainer Cengiz Cakici über die unvermeidbare Schwächung seiner Mannschaft, ergänzte aber sofort: „Es hätte an unserer Niederlage nicht geändert, wenn Eldaniz mitgerungen hätte.“

Talentschmiede gegen Hochkaräter

Die Heilbronner hatten aus ihrer überraschenden Auftaktniederlage in Witten gelernt und traten mit Ausnahme von Pascal Eisele in Bestbesetzung an. Dieser Auswahl an Hochkarätern setzten die Alemannen ein sehr junges Team mit acht Deutschen entgegen. Allein fünf Ringer stammten aus der eigenen Talentschmiede oder sind aus dem Nachwuchs des ASV Mainz 88 nach Nackenheim gewechselt.

Mit den technisch überhöhten Niederlagen von Burak Demir (16), Lucas Günther (15), Koray Cakici (20), Bekir Demir (18) und Danilo Bauer (20) mussten die Gastgeber rechnen. Burak Demir hat das Pech, dass die unterste Gewichtsklasse, das Freistil-Fliegengewicht, in der Nordweststaffel fast ausnahmslos stark besetzt ist. Bislang hielt sich der 16-Jährige ganz vorzüglich. Gegen Levan Metreveli, der bei den Europameisterschaften 2017 und 2018 jeweils Fünfter wurde, konnte auch er das vorzeitige Ende nicht vermeiden. „Burak hat sich gegen einen absoluten Topmann recht gut gewehrt, aber in den entscheidenden Momenten die Punkte abgegeben“, sagte Cakici.

Ferdinand wehrt sich bravourös

Sein Sohn Koray leistete George Bucur ebenfalls lange Widerstand. Doch der 31- jährige Rumäne, der lange Zeit für den ASV Mainz 88 auf die Matte ging, hat noch nichts verlernt. Geschmeidig wie eine Katze lauert er auf die Chance zum Zupacken, auch im Auskämpfen kniffliger Situationen ist er immer noch top. Koray Cakici gelang in der zweiten Runde ein Beinangriff – doch Bucur ging nicht zu Boden, sondern entwand sich dem Griff wieder.

Einen schweren Stand hatte auch Robin Ferdinand, der im Greco-Schwergewicht auf den 25 Kilo schwereren Eduard Popp traf, den Olympiafünften von Rio. Obwohl Ferdinand körperlich deutlich unterlegen war, hielt er seine Niederlage in Grenzen. In beiden Runden musste der Alemanne einmal in die Bodenlage. Beim ersten Mal konnte er nicht verhindern, dass Popp ihn kippte. Hätte Ferdinand beim Stand von 0:7 im zweiten Durchgang erneut eine Wertung zugelassen, wären dies drei Mannschaftspunkte für Popp gewesen. Doch diesmal wehrte er sich erfolgreich.

„Der Gewichtsunterschied gegen einen gestandenen Greco-Ringer war schon hart“, sagte Ferdinand. „Ich hatte gehofft, ihn am Boden überraschen und abfangen zu können. Aber er ist sehr stark.“ Das 0:7 gehe deshalb in Ordnung. Lob gab es vomTrainer. „Robin hat einen Bombenkampf gemacht“, sagte Cakici.

Kudrynets ringt Fetzer müde

Lange Zeit offen war das Duell im 71-Kilo-Limit des Greco zwischen dem Nackenheimer Ruslan Kudrynets und Christian Fetzer, dem EM-Dritten von 2005. Nach seiner 2:1-Pausenführung musste Kudrynets wegen einer Passivitätsverwarnung den Ausgleich hinnehmen, doch aus der Bodenlage befreite er sich und schob seinen Gegner gleich aus der Kampfzone. Die erneute Führung baute er mit einem Takedown auf 5:2 aus.

„Ein starkes Ergebnis“, freute sich Cakici. „Ruslan hat clever gekämpft, hat seine Kraft eingeteilt und den Gegner müde gerungen.“ Fetzer sei trotz seiner 34 Jahre immer noch ein guter Mann. Kudrynets aber habe seinen bislang besten Saisonauftritt geliefert.

Neben Kudrynets stachen auch die internationalen Athleten der Nackenheimer. Arkadiusz Kulynycz lieferte sich im Greco-Mittelgewicht ein spektakuläres Duell mit Bogdan Eismont. Der Heilbronner leistete starken Widerstand, konnte aber nicht verhindern, dass der Pole ihn mit einer Kopfklammer auf die Matte warf und dort gleich auch noch drehte. Mit einem Takedown erhöhte Kulynycz noch vor der Pause auf 8:0, sammelte in der zweiten Runde aber nur noch zwei Verwarnungspunkte zum 10:0-Endstand. Eine technisch überhöhte Niederlage wäre der starken Vorstellung Eismonts aber auch nicht gerecht geworden. Selbst der Nackenheimer Trainer musste anerkennend feststellen: „Das hat Bogdan gut gelöst.“

Play-off-Plätze weiter weg

Das Bonbon hatten sich die Alemannen aber bis zum Schluss aufgehoben. Levai, auch erst 19 Jahre alt, hatte im Greco-Weltergewicht in Fabian Fritz, der schon Medaillen von Deutschen Meisterschaften mitgebracht hatte, einen lange Zeit gleichwertigen Gegner. Fritz ging in der ersten Runde sogar in Führung. Auch im zweiten Abschnitt konnte sich zunächst keiner der Athleten einen entscheidenden Vorteil verschaffen. Kopf an Kopf beharkten sie sich.

Dann schleuderte Levai seinen Kontrahenten mit einer blitzschnellen Wendung auf die Matte und hielt dessen Kopf wie in einem Schraubstock umklammert. Fritz wehrte sich fast eine halbe Minute verzweifelt, wand sich von der einen auf die andere Seite, konnte dann aber doch nicht verhindern, dass der Ungar ihn auf die Schultern drückte. „Dieser Kopfhüftschwung war Weltklasse“, schwärmte Cakici. „Das hat Tamas sehr stark gemacht. Da fehlen mir langsam die Worte.“

Durch ihre dritte Niederlage sind die Nackenheimer auf den sechsten Platz abgerutscht, die beiden führenden Mannschaften sind bereits um vier Punkte enteilt. Das Saisonziel, der Einzug in die Play-offs, rückt in immer weitere Ferne.„Es sieht derzeit sehr unwahrscheinlich aus“, sagte Cakici. „Aber wir haben noch eine Chance. Solange die besteht, arbeiten wir daran.“ In der Rückrunde stehen die Nackenheimer stärker. Doch bei ihrer Aufholjagd benötigen sie auch fremde Hilfe.

2018-10-24T20:11:07+00:0024.10.2018 18:40|0 Kommentare